Aber was, bitte, ist die Augenhöhe?

Wenn David mit Goliath reden soll, ist das Problem offensichtlich: Klein und Groß passen nicht zusammen. Es sei denn, der eine macht sich kleiner. Oder der andere steigt auf die Leiter. Zunächst also ist zu klären, auf wessen Augenhöhe man sich denn nun begegnen möchte.

Damit wird klar, dass die Formulierung „auf Augenhöhe“ ohne jeglichen Sinn ist. Es sei denn, man formuliert neu und spricht zumindest von der „gleichen“ Augenhöhe. Sprachpuristen behaupten zwar, dies sei redundant. Aber das stimmt nicht. Denn wenn David und Goliath jeweils auf ihrer Augenhöhe zu reden beginnen, werden sie nie zusammen kommen. Also entweder begegnen sich die beiden auf Goliaths Augenhöhe – oder auf der von David, eines Herrn deutlich geringerer Länge. Womit wir – egal, ob hoch oder tief – eben wieder bei der gleichen Augenhöhe wären.

Doch woher kommt die Formulierung? So genau lässt sich das nicht mehr klären. Irgendwann war sie da. Und seither wird sie täglich aufs Neue durchgenudelt.

In der empirischen Kulturwissenschaft kursiert die Lesart, wonach Begriffe wie die „Augenhöhe“ von einem der vielen Spin Doctors in die Welt gesetzt werden. Damit hätten sie die Urheberschaft an wichtig klingenden politischen Sprechblasen, die uns mittlerweile in inflationärer Häufigkeit begegnen. Auch der „Schulterschluss“ gehört in diese Kategorie, obgleich ich mich nicht an eine einzige Szene im politischen Raum erinnern kann, in der es erkennbar zu einem körperlichen Schulterschluss gekommen wäre.

Aber der Formulierfreude sind kaum Grenzen gesetzt, weshalb selbst so eigenartige Wendungen ersonnen werden wie „das Vorfeld“. Sie wissen schon: „Im Vorfeld des Kandidaten-Duells kam es zum …“ Gemeint ist schlicht und einfach „vor dem Kandidaten-Duell“. Aber das würde ja zu schlicht klingen. Weshalb das schlanke „vor“ aufgebohrt wird zum unsinnigen „im Vorfeld“. Unsinnig deshalb, weil „im Vorfeld“ keinen zeitlichen, sondern nur einen räumlichen Bezug hat (um den es natürlich nicht geht). Und wer dem Ursprung dieser Wendung etwas genauer nachforscht, landet bei der Sprache des Militärs. Dort gehört sie auch hin. Denn Artilleristen etwa sprechen vom Vorfeld ihrer Stellung.

Manchmal haben die Spin Doctors eben kein glückliches Händchen bei der Produktion neuer Formulierungen. Das lässt sich sofort erkennen bei so schwachsinnigen Wort-Gebilden wie „Wir müssen den Wähler abholen“ (Ja wo denn? Auf dem Kirchplatz? Oder um Mitternacht am Kreuzweg?) oder dem vor allem bei Grünen beliebten „Wir müssen uns einbringen“. Das soll Empathie vorspiegeln, ist aber nur heiße Luft.

Und wenn wir gerade von Spin Doctors reden: Geprägt wurde dieser Begriff 1977 von dem amerikanischen Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Saul Bellow („Dangling Man“, „Mr. Sammler’s Planet“). In den Medien tauchten die Spin Doctors erstmals 1984 auf, als William Safire von der New York Times ein Fernsehduell zwischen Präsidentschaftskandidat Walter Mondale und Amtsinhaber Ronald Reagan kommentierte. Die Wahlkampfberater wurden dabei als Spin Doctors bezeichnet, weil sie hinter den Kulissen in der „Spin Alley“ – dem für Journalisten reservierten Bereich – Einfluss zu nehmen versuchten.

Herzlichst 
Ihr Klaus Kresse