Ganz oben auf der Hitliste stand lange Zeit – viel zu lange! – das etwas kryptische „äh“. Das begegnet uns auch heute noch. Aber aus dieser puristischen Version ist eine ganze Wortfamilie entstanden. Man könnte geneigt sein, sogar von einer Wortsippe zu sprechen. Denn rund ums schlichte „äh“ gruppieren sich zahlreiche Derivate. Etwa das „ähh-hüstel-ähh“, das „ähhmmm“ und das „ähm-tja“. Beliebt ist auch die simple Doppelung „äh äh“, die uns zuweilen auch in der etwas spannenderen Variante „äh – (Pause) – äh“ zu gefallen vermag.

Wer es auf diesem Feld zur Meisterschaft bringen will, muss sich – Betonung liegt auf „muss“ – auf der Website www.stupidedia.org mit der Seite „Stoiber-Rhetorik“ beschäftigen. Stoiber, Sie erinnern sich, ist der bayerische Spitzenpolitiker, der zwar kurz vor dem Einzug ins Kanzleramt scheiterte, uns aber in Erinnerung geblieben ist ob seines virtuosen Umgangs mit der Wortsippe „äh“. Die Website gewährt uns einen tiefen Einblick in diese Kunst und lässt uns ahnen, wie viele Ausdrucksmöglichkeiten im sinnvollen Einsatz von „äh-ähm-äh“ über „äh-ähm-ähm-ähm“ bis hin zum anspruchsvollen „äh-äh-denken-Sie-da-mal-drüber-nach-ähhhm“ verborgen sind.

Wie gesagt, die „äh“-Wortsippe ist weiterhin beliebt. Ihre beste Zeit hat sie aber hinter sich.

Mit Abstand beliebtester Pausenfüller bei Vorträgen und Präsentationen ist inzwischen „genau“. Egal, wie unangebracht die Verwendung jenes Wörtchens gerade ist: Im dämmrigen Schein irgendwelcher vom Beamer an die Leinwand geworfenen Powerpoint-Folien sind wir dem ununterbrochenen „genau“-Bombardement ausgesetzt. Dann hören wir von vorn oder aus dem Off zum Beispiel: „Und jetzt zum Kapitel ,Markdurchdringung mit neuen Botschaften‘ – genau!“

Versierte Teilnehmer von Powerpoint-Meetings wissen, dieses „genau“ bedeutet nichts. Gar nichts! Es ist Füllsel. Silbenmüll von der Wort-Abraumhalde. Aber vornehmlich die jüngeren Vortragenden lieben dieses Fünf-Buchstaben-Gebilde. Und sie setzen es ein, als wollten Sie jeden gerade gesagten Satz damit adeln. Denn spätesten bei diesem „genau“ soll dem letzten Zweifler unter den Zuhörern klar werden, dass es jetzt nichts mehr zu deuteln gebe. Genau!

Aber werfen wir noch einen Blick auf die sich ebenfalls im Umlauf befindenden „genau“-Konkurrenten. Deren gibt es viele: von „eigentlich“ bis „quasi“.

Karriere macht gerade die Wendung „an dieser Stelle“. Das ist ein Einschub, der ebenfalls absolut nichts besagt, dem Vortragenden aber eine Bruchteile-von-Sekunden-Frist vor der nächsten sprachlichen Herausforderung beschert. Also etwa: „Es freut mich, wenn ich an dieser Stelle auf die neue sowieso sowieso verweisen darf.“

Gern genommen wird auch das dem Englischen entlehnte, aber fast immer falsch verwendete „am Ende des Tages“. „At the end of the day“ bedeutet „letzten Endes“. Wogegen das deutsche „am Ende des Tages“ nur heißen kann: heute, eine Minute vor Mitternacht. Was wohl in den seltensten Fällen gemeint ist.

Dann schon lieber ein gepflegtes „äh“. Das hat sogar unter der Bezeichnung „Formulierungsbrücke“ Eingang in die moderne Sprachwissenschaft gefunden. Die will herausgefunden haben, dass dem „äh“ Qualitäten innewohnen, die dem Verständnis spröder Texte zuträglich sind. Die Linguistikerin Jennifer Arnold von der Universität North Carolina will belegen können, dass ein vor abstrakten Substantiven wie „Acetylsalicylsäure“ eingeschobenes „äh“ dem Zuhörer das Verstehen erleichtere.

Also: Üben Sie vor Ihrer nächsten Präsentation! Hangeln Sie sich die ganze Bedeutungsleiter der „äh“-Familie rauf und runter. Viel Spaß und Erfolg wünscht Ihnen

herzlichst
Ihr Klaus Kresse