Nur: Woher kommt dieser Begriff?

Manche Menschen schreiben das Copyright der einstigen „Berliner Illustrirten Zeitung“ zu, die als erste Publikation die Herkunft des Begriffs Schlitzohr in der aktuellen Deutung erklärte. Ein Zitat aus diesem Artikel: „Die meisten Handwerker tragen zur Kluft einen goldenen Ohrring, der das Wappen des Handwerks zeigt. Dieser Schmuck war in früheren Tagen doppelt nützlich. Zum einen diente er als Notgroschen, zum anderen garantierte er dem mittellosen Wandersmann … schlimmstenfalls ein ordentliches Begräbnis. Und als einst die Sitten weit rauher waren, erfüllte er noch einen weiteren Zweck. Hatte sich ein Geselle etwas zuschulden kommen lassen, rissen ihm die Kameraden den Anhänger aus dem Ohr – und machten ihn damit zum Schlitzohr.“

Ob diese Erklärung zutrifft, wird von einigen Sprach-Experten angezweifelt. Und im ansonsten sehr zuverlässigen Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm tauchen zwar „Schlitzdragoner“, „Schlitzauge“, „Schlitzhusar“ und „Schlitzhengst“ auf – nicht aber das Schlitzohr.

Aber selbst, wenn die Geschichte nicht stimmen sollte, wäre sie immerhin gut erfunden. Man kann sich das so richtig vorstellen: Tumult im Wirtshaus, der Übeltäter wird zur Zielscheibe und muss die Demütigung ertragen. Einer aus der Meute verkrallt sich im Ohrring des bösen Buben, dann ein heftiger Ruck – und zurück bleibt ein blutender Schlitz.

Aber vielleicht stimmt die Erklärung doch. Zumindest ist sie plausibel. Denn im Mittelalter wurden Diebe nicht nur an den Pranger gestellt – man machte sie auch für den Rest ihres Lebens als Übeltäter kenntlich, indem man ihnen die Ohren aufschlitzte. So wurde es sogar von Gerichten angeordnet. Das war die milde Strafvariante. Wurde der Delinquent beim zweiten Diebstahl erwischt, schlug man ihm eine Hand ab. Beim dritten Diebstahl sogar den Kopf. Die Scharia lässt grüßen.

Es gibt eine weitere Deutung, wonach der Begriff Schlitzohr zum Ausdruck bringen soll, dass ein Mensch mit dem Teufel im Bunde steht. Immerhin hat man sich den Teufel die Jahrhunderte hindurch als schlitzohrig und schlitzfüßig vorgestellt.

Egal wie: Das Ohrenschlitzen als Strafe wird durchaus vorgekommen sein. Schließlich hat man Gesetzesbrecher bis in die Neuzeit mit Schandmalen belegt. Die Geschichte der Inquisition ist voll von derartigen Beispielen.

Und wer sich mit Mafia und Cosa Nostra beschäftigt, weiß um die zahlreichen Fälle, in denen Abweichlern und Verrätern ein Ohr oder die Nase abgeschnitten wurden, um sie zu stigmatisieren.

Aber es gibt auch die eher humorige Variante. Der begegnen wir zum Beispiel in der US-amerikanischen Actionkomödie „Ein ausgekochtes Schlitzohr“ mit Burt Reynolds. Tipp: Einfach mal anschauen!

Viel Spaß dabei wünscht
Ihr Klaus Kresse