Noch vor Franz Josef Strauß, der CSU-Ikone, gilt Wehner als Meister der politischen Beleidigung. Was ihm immerhin 77 Ordnungsrufe einbrachte. Ein Spitzenwert!

Wehner hatte nicht nur einen Standpunkt. Er konnte auch austeilen. „Strolch“, „Schleimer“, „Lümmel“, „Dreckschleuder“, „Quatschkopf“ – das war sein Kernwort-schatz, wenn er rüffeln wollte.

Dem CDU-Abgeordneten Möller rief er im Parlament zu: „Waschen Sie sich erst einmal! Sie sehen ungewaschen aus.“ Möllers CDU-Parteifreund Wohlrabe musste sich sogar die Verballhornung seines Namens in „Überkrähe“ gefallen lassen. Wehner setzte noch eins drauf und stellte die rhetorische Frage: „Sie sind ein Schwein. Wissen Sie das?“

Frontal ging Wehner, der von 1969 bis 1983 die SPD-Fraktion im Bundestag führte, seinen Unions-Widerpart Rainer Barzel an. Als der in einer Rede formulierte, er habe nicht die Absicht, einen Pappkameraden aufzubauen, rief Wehner ins Plenum: „Sie sind ja selber einer!“ Und zu Georg Kliesing von der CDU fiel ihm ein, der sei ein „geistiges Eintopfgericht“.

Das Florett war seine Sache also nicht. Wehner griff lieber zum schweren Säbel. Aber nicht nur im Parteiengerangel, sondern auch gegenüber Journalisten. So nannte er 1976 bei einem Interview den ARD-Reporter Ernst Dieter Lueg (gesprochen u-e) beleidigend „Herr Lüg“. Immerhin war Lueg so schlagfertig, dass er das Interview mit den Worten abschloss: „Vielen Dank für die Zwischenkommentierungen, Herr Wöhner …“

Franz Josef Strauß stand Wehner nicht nach. Kostprobe: „Schnauze, Iwan!“ raunzte er in den Anfangsjahren der Republik den KPD-Politiker Heinz Renner an. Journalisten beschimpfte Strauß als „Ratten und Schmeißfliegen“.

Sein Feindbild war klar umrissen. O-Ton: „Irren ist menschlich. Aber immer irren ist sozialdemokratisch.“ So groß sein Abstand zur SPD auch gewesen sein mag – mit Themen wie der Schwulen-Ehe hätte er gar nichts anfangen können. Strauß: „Ich will lieber ein kalter Krieger sein als ein warmer Bruder!“

Bei aller Derbheit der Wortwahl vermochte er auch hintersinnig zu formulieren. So etwa: „Mein Demokratieverständnis endet da, wo sich andere nicht von meiner Mei-nung überzeugen lassen.“

Sind Wehner und Strauß mit ihrer holzschnittartigen Sprache in schlechter Gesellschaft?

Keineswegs. Im Kollegenkreis schon mal nicht. Schließlich fiel dem CSU-Mann Theo Waigel zu seinem FDP-Kabinettskollegen die Wendung vom „adeligen Klugscheißer“ ein. Und CSU-Mann Dobrindt nannte das FDP-Vorstandsmitglied Wolfgang Kubicki einen „Quartalsspinner“, dem „die Schweingrippe aufs Hirn geschlagen“ habe.

Aber auch im historischen Vergleich sind sie gut positioniert. Reformator Martin Luther etwa, dem es immer darum ging, dem Volk aufs Maul zu schauen, liebte ebenfalls das deftige Vokabular. Weshalb ihm auch (fälschlicherweise?) die Sentenz zugeschrieben wird: „Was rülpset und furzet Ihr nicht, hat es Euch nicht geschmacket?“

Und unser Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe legt dem Götz von Berlichingen in den Mund: „Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsche lecken.“

Kräftiger geht es kaum. Aber irgendwie wird diese Einlassung durch den Umstand geadelt, dass es nicht „am“, sondern „im“ heißt. Was das Ganze der Gossensprache entreißt und zu großer Dichtung werden lässt.

Herzlichst
Ihr Klaus Kresse