In zurückliegenden Jahrhunderten, als mit den Worten noch etwas sorgfältiger umgegangen wurde als heute, war in der Bildungssprache der Begriff „Olympiade“ tatsächlich ein Ausdruck der Zeitrechnung. Damit steht die Olympiade im Sinne von „Zeitraum von vier Jahren“ gleichwertig neben der Dekade (zehn Jahre).

Die um die Wahrung unseres wichtigsten Ausdrucksmittels bemühte GfdS – so lautet das Kürzel für „Gesellschaft für deutsche Sprache“ – hat diesem Thema in der Rubrik „Fragen und Antworten“ sogar ein umfängliches Kapitel gewidmet.

Wer sich dort informiert, erfährt denn auch, dass Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe in seiner „Farbenlehre“ die Formulierung bemühte: „Um die neunzigste Olympiade scheint sich die Malerei bis zur Selbständigkeit (sic!) emporgearbeitet zu haben.“ Und dass der große Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel seinen altgriechischen Kollegen Heraklit in seinen „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“ als einen „um die 70. Olympiade berühmten“ Epheser würdigte.

Aber so ist das mit unserer Sprache: Was nicht gepflegt wird, verfällt. Oder, wie es das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ einmal in einer Titelgeschichte nannte, sie „verlottert“. Will heißen: Sie wird schwammig, verliert ständig an Präzision.

So, wie die wenigsten Menschen noch zwischen „anscheinend“ und „scheinbar“ (zwei Adjektive mit fast gegensätzlicher Bedeutung) oder zwischen „der gleiche“ und „derselbe“ zu unterscheiden wissen, wurde auch das Nebeneinander von „im dunkeln tappen“ (es mag taghell sein, aber ich weiß nicht so recht weiter) und „im Dunkeln tappen“ (es ist tatsächlich stockdunkel) auf dem Altar vermeintlicher Vereinfachungen geopfert wurde. Und der Duden, der inzwischen jeden populären Schwachsinn nach einer Schamfrist für gut befindet, erlaubt inzwischen nicht nur das „wie“ nach dem Komparativ, sondern schreibt in seiner 24. Auflage: „Olympiade, die … (Olympische Spiele; selten für Zeitraum von vier Jahren zwischen zwei Olympischen Spielen …)“.

Ganz neu ist der Bedeutungswandel von „Olympiade“ allerdings nicht. Laut GfdS wurde er bereits im Großen Brockhaus von 1932 dokumentiert. Und der Rechtschreib-Duden segnete den geänderten Wortgebrauch bereits 1941 ab.

Die GfdS hat sogar eine noch ältere Quelle aufgetan: 1914 fand sich in der „Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins“ ein Zitat, wonach „zur Bezeichnung der olympischen Spiele, das heißt der einzelnen Veranstaltungen“, auch der Ausdruck „Olympiade“ gebraucht werde. Dies allerdings mit der kritischen Anmerkung: „ … so ungeeignet er an sich“ sei.

Wie gesagt, unsere Sprache verlottert. Treffender als der „Spiegel“ kann man es nicht formulieren.

Herzlichst 
Ihr Klaus Kresse