Zugegeben, so würden wir im Alltagsdeutsch nicht formulieren. Das haben aber auch unsere Altvorderen nicht getan.

Doch sind diese und andere Dichtungen deshalb nur noch sprachlicher Nippes, der ins Antiquariat der Kulturgüter gehört? Bestenfalls ein Stoff also, der Oberstudienräte im Leistungsfach Deutsch beschäftigen sollte, alle anderen Menschen aber eher zum Gähnen bringt?

Sagen wir mal so: An deutschen Stammtischen wird so nicht gesprochen. Auch in der Welt von Facebook und Schüler VZ nicht. Andererseits sind sprachliche Absonderungen im Stil von „geil eh!“ und „krass, du Opfer!“ nicht unbedingt kulturelle Schmuckstücke.

Nähern wir uns dem Thema vielleicht von einer anderen Seite. Und schauen wir uns dafür diesen Text an:

„An den Bäumen hängen besonders viele Blätter. Auf dem staubigen Erdboden ist die Ausbreitung von Grünem festzustellen. Darunter sind auch Narzissen und Tulpen. Sie zeichnen sich durch eine schönere Farbgebung aus, als man sie von den Seiden-Gewändern des Königs Salomon kennt.“

Nicht wirklich aufregend, oder?

Und wie gefällt Ihnen diese Fassung?

Die Bäume stehen voller Laub,
das Erdreich decket seinen Staub
mit einem grünen Kleide;
Narzissus und die Tulipan,
die ziehen sich viel schöner an
als Salomonis Seide

Zweimal das gleiche Thema, zweimal der gleiche Inhalt. Und dennoch ein Unterschied wie zwischen dem VfR Hintertupfing und Bayern München.

Das Gedicht ist übrigens rund 400 Jahre alt. Und alles andere als altmodisch. Es stammt von dem großen Lyriker Paul Gerhardt, der zwischen 1607 und 1676 lebte und dem wir so sprachgewaltige Kirchenlieder wie das Passionslied „O Haupt voll Blut und Wunden“ zu verdanken haben.

Noch ein Vergleich von Kreisklasse und Champions League:

Bei Eduard Mörike heißt es:

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

Natürlich könnte man anders formulieren – so etwa:

Auch heute wieder herbstliches Wetter mit starkem Morgennebel. Später wolkenfreier Himmel mit Sonneneinstrahlung.

Der eine Text kann bei einem Glas Rotwein genossen werden: Er transportiert Stimmung und Lebensgefühl.

Der andere könnte aus dem Autoradio kommen, morgens, wenn wir im Stau stehen. Sind wir raus aus dem Stau, haben wir ihn schon vergessen.

Herzlichst
Ihr Klaus Kresse